„Stadt wird nicht im Rathaus gemacht“
Über Demokratie in Gummistiefeln – Von Astrid Engel

An der Bastau habe ich vergangene Woche etwas gelernt. Nicht über Erlen, Weiden oder Birken – obwohl wir davon einige Hundert aus dem Boden gezogen haben. Sondern über unsere Stadt.

Der Reihe nach. Im ersten Bauabschnitt der renaturierten Bastau, zwischen Kolpingring und Schwabenring, haben sich wilde Gehölze ausgesät. So üppig, dass sie die Flora verdrängen, die sich am Bachlauf eigentlich entwickeln soll. Maschinen kommen an die steilen Böschungen nicht heran, also braucht es Hände.

Unser Kleines Kino am Weingarten hat in einem Sonder-Newsletter gefragt, wer mit anpackt: am Samstagmorgen und am Montagabend, jeweils anderthalb, zwei Stunden.

Alles abgestimmt und angeleitet von den Städtischen Betrieben Minden

Ich hätte mit einer Handvoll Leuten gerechnet. Gekommen sind an beiden Tagen jeweils gut zwanzig, einige sogar an beiden Tagen. Am freien Samstagvormittag. Nach Feierabend am Montag. Und – das hat mich am meisten verblüfft – für keinen von ihnen schien das etwas Besonderes zu sein.

Kein großes Aufheben, keine Grundsatzdebatte. Da ist ein Bach in unserer Stadt, der braucht Hilfe, also helfen wir. So selbstverständlich, als hätte es nie eine andere Möglichkeit gegeben.

Dabei ist es, wenn man einen Schritt zurücktritt, alles andere als selbstverständlich.

Da ruft ausgerechnet ein Kino zu einer Aktion, die mit Kino nicht das Geringste zu tun hat

Und ausgerechnet Menschen aus unserer Kino-Community nehmen sich Zeit für eine Sache, die von gemütlichen Kinosesseln weit entfernt ist: mehr Schlammbett als Arthaus.

Niemand hat gefragt, was das mit Film zu tun hat. Vielleicht, weil alle spürten: eine ganze Menge. Wer sich für gute Filme interessiert, interessiert sich meist auch für die Welt, in der sie spielen – und für die Stadt, in der man selbst lebt.

Über den eigenen Tellerrand zu schauen, zu denken und dann auch Verantwortung zu übernehmen: Etwas Demokratischeres gibt es kaum.

Raus aus den Kinosesseln und rein in die Gummistiefel

Am Montagabend fiel dann, irgendwo zwischen Grabegabel und Böschung, ein Satz: „Stadt wird nicht im Rathaus gemacht.“ Letztlich sei es egal, wer Bürgermeister ist und was der den lieben, langen Tag erzählt – Stadt machen die Menschen, die in ihr leben.

Stadt entsteht, wo Bürger etwas gestalten. Ein Kino. Eine Hilfsaktion für einen Bach. Ein Innenstadtfest. Einen Dritten Ort für Kunst und Kultur. Eine Initiative für Sicherheit im öffentlichen Raum. Einen Nachbarschafts-Treff. Oder, oder, oder …

Man kann das für eine Binsenweisheit halten. Aber an diesem Abend, mit Erde unter den Fingernägeln und Blick auf ein Stück Bachlauf, das sichtbar besser dastand als zwei Stunden zuvor, war es keine Binse. Es war einfach wahr. Und nebenbei der basisdemokratischste Gedanke, den man haben kann.

Auch die Städtischen Betriebe Minden haben ihren Teil dazu beigetragen: Sie haben uns nicht als Störung verstanden, sondern als Verstärkung – eingewiesen, begleitet, mitgemacht.

Bürger und Stadt nicht im misstrauischen Gegeneinander, sondern in echtem Miteinander

Es geht also. Es geht sogar erstaunlich reibungslos.

Was mich seither beschäftigt, ist weniger der Stolz auf zwei gelungene Einsätze. Es ist eine Frage. Wenn vierzig Menschen wie selbstverständlich an einen Bach kommen, weil jemand fragt – was ginge dann noch alles in unserer Stadt? Was wäre noch alles möglich, wenn Bürger es anstoßen? Welche Beete, welche Plätze, welche Ideen warten nur darauf, dass jemand fragt?

Ich habe keine abschließende Antwort. Aber ich habe an der Bastau eine Ahnung bekommen. Und die macht ziemlich viel Mut.


Aufgezeichnet von Astrid Engel

Die wilde Bastau

Die Wildnis ruft
Der erste Bauabschnitt der renaturierten Bastau: Irgendwo in all dem Dickicht stehen neben der gewünschten Flora auch Hunderte frisch ausgesäter Erlen, Birken, Weiden, die entfernt werden müssen.


 

Vorbesprechung

Offene Ohren
Besprechung und Einweisung: Wie sehen junge Erlen aus, wie junge Birken und Weiden? Warum machen wir das hier? Und was ist das Ziel?


 

Titelbild Kino-Aktion Erlen ziehen an der Bastau

Zwei Teams, zwei Richtungen, ein Ziel
Ein Team Richtung Osten, ein Team Richtung Westen, immer an der direkten Uferkante entlang – dort, wo Maschinen keine Chance hätten.


 

Erle wird gezogen

Erlkönigs Töchter am düstern Ort
Diese Erle dürfte hier jetzt schon im zweiten Jahr stehen. Aber nicht mehr lange. Höchste Zeit, dass sie rauskommt, um den Bachlauf der Bastau nicht zu überwuchern.


 

Haufen am Wegesrand

Insignien des Erfolgs
Überall am Wegesrand bildeten sich solche Haufen, die den Erfolg der Teams bekundeten. Die Städtischen Betriebe Minden SBM sorgten dafür, dass die Haufen abgeholt wurden.


 

Basecamp mit Fahrradlager

Basiscamp mit Radlager
Ökologisch vorbildliche Anreise zum Einsatzort: Wer nicht gleich zu Fuß kam, nutzte das Fahrrad – Spaten, Grabegabeln und gute Laune im Gepäck. Danke an alle, die mitgemacht haben: Das war großartig!


 

Logo Kleines Kino am Weingarten

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