99 Plätze gegen die Ohnmacht –
Eine kleine Betrachtung von Astrid Engel

Ein Spiegel-Artikel fragt, was wirklich gegen rechts hilft. Fünf Forscherinnen und Forscher geben Antworten. Und ich saß da mit meinem Kaffee und wurde langsam ein bisschen rot.


Ein ganz normaler Sonntag – bis ich anfing, mich sonderbar unbehaglich zu fühlen. Wegen eines Artikels. „Was hilft wirklich gegen die Rechtsextremen?“, fragten Fabian Hillebrand und Marc Röhlig im aktuellen Spiegel, und ich setzte mich hin, wie man sich zu solchen Texten hinsetzt: in der Erwartung, hinterher wieder etwas ratloser zu sein.

Fünf kluge Köpfe, Brandmauern, die mit jeder weiteren Umfrage ihre Sinnlosigkeit unter Beweis stellen, eine Partei, die in Sachsen-Anhalt nach der absoluten Mehrheit greift. Man liest das – und fühlt sich klein und ohnmächtig. Nur kam es heute anders.

Je weiter ich las, desto öfter dachte ich: Moment mal. Das kenne ich doch.

Den Anfang machte Psychologe Stephan Grünewald vom Rheingold-Institut mit den Bremer Stadtmusikanten – ausgemustert, abgeschrieben, von ihren Besitzern aufs Altenteil geschoben, und trotzdem brechen sie auf. „Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“

Dass die vier nie in Bremen ankommen, sondern unterwegs ihr Glück finden, sei dabei egal, sagt Grünewald; entscheidend sei, dass ein Aufbruchsbild überhaupt Bewegung erzeugt. Ich saß da und dachte: Genau diese Filme zeigen wir im Kleinen Kino am Weingarten. Über die Ausrangierten, die sich nicht ausrangieren lassen. Und „Etwas Besseres als den Tod findest du überall“ könnte, ehrlich gesagt, an unserer Eingangstür stehen.

Sechs Zutaten brauche so ein Aufbruch, zählte Grünewald auf, und ich zählte unwillkürlich mit. Eine ehrliche Beschreibung der Probleme – wir haben zum Beispiel „The Zone of Interest“ gezeigt, einen Film, der einem nicht schmeichelt. Ein Zielbild, das Lust macht: unser Statut. Wir werden Bäume an die renaturierte Bastau pflanzen und das Ganze, mit dem gebotenen Augenzwinkern, „Unser kleiner Holly-Wood“ taufen.

Die Erfahrung, etwas beitragen zu können: Einen unserer schönsten Kinotage hat schlicht eine Besucherin angestoßen, mit dem Posaunenchor der Petri-Gemeinde als Begleitprogramm, zweimal ausverkauft.

Gemeinschaft und Fairness – acht bzw. ermäßigt fünf Euro Eintritt, gleich welchen Alters, getragen von Ehrenamtlichen, die das neben Beruf und Alltag stemmen. Sichtbare Etappenerfolge – ein voller Saal, ein kleiner Umweltpreis. Und die Frage, was das fürs eigene Leben heißt – nun ja: ein Abend unter 98 anderen Menschen in einem warmherzigen Raum.

Sechs von sechs Punkten. Ich legte das Heft kurz beiseite.

Dann folgte Carolin Amlinger im Artikel, Kultursoziologin aus Basel, mit einer Geschichte, die mich als Architektin sofort hatte: In Frankreich steige der Stimmenanteil der Rechtsextremen dort, wo die letzte Bar-Tabac schließt – und sinke, wo eine neue öffnet. Unabhängig von Arbeitslosigkeit, unabhängig von Migration. Es sei, schreibt sie, eben auch ein Kampf um die Dorfkneipe.

Ich denke berufsbedingt in Räumen, und hier stand es schwarz auf weiß: Wo die Räume verschwinden, in denen Menschen einander begegnen, zieht sich das Leben zusammen, und die Welt wird enger. Wir haben so einen Raum nicht geschaffen, um Bollwerk zu sein. Wir halten ihn nur drei, vier Tage im Monat offen.

Im Erdgeschoss der Jazzclub, gegenüber die „Casa Mediha“, nebenan die Kult-Kneipe „Zum seriösen Fußgänger“. Ich hatte das immer für ein hübsches Quartier gehalten. Dass es sozusagen demokratische Infrastruktur ist, kam mir erst beim Lesen.

Spätestens bei Matthias Quent, dem Extremismusforscher aus Jena, gab ich es auf, cool zu bleiben. Er nennt die AfD eine „Selbstwirksamkeitsmaschine“: Sie verkaufe Menschen, die sich ohnmächtig fühlen, das Gefühl, wieder etwas bewirken zu können – ein trügerisches Gefühl, aber ein wirksames. Was helfe? Niedrigschwellige Beteiligung. Vereine, Nachbarschaftsprojekte, lokale Initiativen. Menschen, die erleben, dass sie zum Gelingen von etwas beitragen können.

Ich saß da und dachte fast erschrocken: Wir sind doch auch eine Selbstwirksamkeitsmaschine.

Nur eine kleine, gutmütige, leicht chaotische. Ein Verein. Quasi ein Quartiersprojekt mit Leinwand. Und der schönste Beweis ist genau jene Besucherin, deren Idee plötzlich einen ganzen, doppelt ausverkauften Kinotag trug. Das ist Selbstwirksamkeit. Man muss sie nur einmal erlebt haben, um sie nicht mehr bei den Falschen zu suchen.

Sandra Busch-Janser von der Adenauer-Stiftung will mit ihrem Projekt „Dorfliebe“ nichts anderes, als Menschen ins Gespräch zu bringen. Bei uns steht genau das in der Satzung – ich musste extra nachsehen: Film solle in einen weiteren Kontext gestellt werden, das Kino sei ein „Ort der Begegnung und des gemeinsamen Erlebens“. Wir haben das vor zwei Jahren aufgeschrieben, weil es uns richtig vorkam, nicht weil wir gegen etwas anschreiben wollten.

Damit das hier nicht nach Selbstbeweihräucherung klingt: Wir sind ein Kino mit 99 Plätzen. Wir retten nicht die Republik. Das Verblüffende an diesem Sonntagmorgen war auch nicht der Gedanke „seht, wie wichtig wir sind“, sondern das Gegenteil – wie wenig es offenbar braucht.

Ein warmer Raum. Eine Leinwand. Ein paar Leute, die sich kümmern. Ein Eintrittspreis, den auch eine Familie zahlen kann. Fünf kluge Köpfe beschreiben eine Kathedrale aus Maßnahmen; wir haben, ohne es zu merken, eine kleine Kapelle gebaut. Ich habe immer gesagt: Wir dürfen die Zukunft der Stadt nicht den Verwaltern überlassen, sondern müssen sie selbst gestalten.

Ich wusste nicht, dass ich damit, ganz nebenbei, ein Rezept gegen rechts unterschrieben hatte.

Genau das, glaube ich, ist die eigentliche Lehre des Artikels, und sie richtet sich nicht an die Politik allein. Sie braucht keinen großen Wurf, keine Erlaubnis, kein Millionenbudget. Sie braucht Menschen, die ihren Raum aufschließen – die Kneipe, den Verein, die Bibliothek, das Kino.

Wir werden das weiter tun, drei, vier Tage im Monat, vielleicht auch mehr. Aber jetzt mit einem etwas anderen Bewusstsein. Und wenn dieser Text auch nur einen Menschen dazu bringt, in seiner Stadt eine Tür aufzuschließen statt sie zuzulassen, dann hat er mehr bewirkt als die schönste Brandmauer.


Astrid Engel
Initiatorin und 1. Vorsitzende des Vereins „Kleines Kino am Weingarten e.V.“ | 21. Juni 2026

Logo Kleines Kino am Weingarten

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