Die Hauptakteure des Abends Im Publikumsgespräch:
Moderatorin Dr. Marina Böddeker; Nicolas Ehret, Autor und Regisseur von „Morgen war Krieg“; Hüseyin Tabak, Produzent des Films und selbst Regisseur
© Foto: Edgar Wilkening, 2026
Die Weser als Grenze, das Kino als Heimathafen Bundesstart von „Morgen war Krieg“ im Kleinen Kino am Weingarten
Drei Abende, dreimal ausverkauft, ein Publikumsgespräch bis nach Mitternacht: Zum bundesweiten Kinostart des in Minden gedrehten Dramas „Morgen war Krieg“ wurde das Kleine Kino am Weingarten zum Treffpunkt eines Films und der Menschen, die ihn möglich gemacht haben. Am Samstag kamen Regisseur Nicolas Ehret und Produzent Hüseyin Tabak persönlich. Sie blieben länger, als irgendjemand geplant hatte.
Blick vom Foyer in den ausverkauften Saal:
Gespannte Stille während des gesamten Films, der immerhin knapp zwei Stunden Laufzeit hat
© Foto: Edgar Wilkening, 2026
Heimspiel an der Weser
Eigentlich hat das Kleine Kino am Weingarten eine feste Gewohnheit: ein Film, eine Vorstellung. Für „Morgen war Krieg“ haben wir diese Regel gebrochen, und zwar gleich doppelt. Am Donnerstag, 24. September, am Samstag, 26. September, und am Sonntag, 27. September, lief der Film bei uns jeweils um 20 Uhr, pünktlich zum bundesweiten Start.
Der Grund liegt vor der Haustür: Große Teile des Films sind in Minden entstanden, gedreht im Herbst 2024 an der Weser. Wer in diesen Wochen am Ufer spazieren ging, stand plötzlich vor Grenzzäunen, Uniformen und Kamerakränen.
Das Ergebnis: dreimal 99 Plätze, dreimal bis auf den letzten Sitz ausverkauft. Am Donnerstag und Sonntag begrüßte Nicolas Ehret sein Publikum per Videobotschaft von der Leinwand. Am Samstag stand er höchstpersönlich auf der Bühne.
Die Stars aus der dritten Reihe
Jeder Abend begann mit einer Frage von Kino-Macherin Astrid Engel: Sind heute Menschen im Saal, die an diesem Film mitgewirkt haben? An allen drei Abenden gingen vier, fünf Hände nach oben, und mit ihnen öffnete sich ein Blick hinter die Kulissen, den kein Making-of liefern kann.
Da war Helmut Rüffer, ehemaliger Binnenschiffer und Kapitän der Fähre, die im Film eine zentrale Rolle spielt. Er erzählte, wie er sich während der Dreharbeiten im Steuerstand ducken musste, um nicht ins Bild zu geraten, während Ulrich Matthes in der Rolle des Vaters Stuber den Kapitän mimte.
Da war der Techniker, der in der Werft die Sanierung dieser Fähre geleitet hatte. Eine Komparsin stellte sich schlicht als „die Frau mit der Eisenstange“ vor, und wer den Film gesehen hat, weiß, welche Schlüsselszene gemeint ist.
Die Bewohner des Hauses in Todtenhausen, das im Film als Haus der Familie Stuber von außen zu sehen ist, waren ebenso da wie ein Taucher und weitere Helfer der DLRG. Sie hatten die Dreharbeiten zur Wasserseite hin abgesichert, für den Fall, dass jemand in die Weser plumpst.
Man ahnt kaum, was im Hintergrund eines solchen Films alles bedacht werden muss, damit er für alle Beteiligten sicher entstehen kann.
Die heimliche Hauptdarstellerin
Eine Darstellerin allerdings stand an keinem Abend auf der Bühne, war aber in jedem Gespräch präsent: die Fähre Amanda. Ihre Geschichte ist ein kleiner Film für sich.
1928 lief die Amanda als Autofähre in der Arminius-Werft in Bodenwerder vom Stapel. Ursprünglich pendelte sie als Pkw-Fähre in Wilhelmshausen auf der Fulda; 1988 kaufte die kommunale Gesellschaft „Großer Weserbogen“ das Schiff, baute es zur Personen- und Fahrradfähre um und setzte es ab 1989 an der Weser ein, zwischen Rehme und Costedt.
Nach langer Suche wurde das Filmteam in Minden fündig und nahm die bereits stillgelegte Fähre für den Film wieder in Betrieb. Leicht war das nicht. Die Amanda war, so berichteten Kapitän Rüffer und später auch Regisseur Ehret, eigentlich ein Wrack.
In der Werft musste sie aufwendig wieder flottgemacht werden. Danach brauchte sie eine wasserrechtliche Zulassung und eine Versicherung, und um flusstauglich zu sein, wurde sie kurzerhand als Motorboot eingestuft.
Technisch ist sie eine Rarität: Die Fähre hat kein Ruder, sondern wird von zwei Propellern gesteuert und angetrieben, die sich jeweils um 360 Grad drehen lassen. Wer so ein Schiff fahren kann, ist selten. Weltweit, so hieß es an diesem Wochenende, gebe es nur noch drei Kapitäne dafür.
Idylle mit Farbfilter
Bevor der Film begann, führte Astrid Engel in einem kurzen Vortrag durch die Drehorte in Minden und Umgebung. Auf der Leinwand standen Fotos vom Location-Scouting, der Suche nach geeigneten Schauplätzen, neben den entsprechenden Standbildern aus dem fertigen Film.
Der Kontrast verblüffte den Saal. „Unglaublich, was Jahreszeiten und Colorgrading aus einem idyllischen Fleckchen für einen Schreckensort machen können“, sagte Engel. Der vertraute Weserstrand, im Film ein Grenzfluss unter bleiernem Novemberhimmel.
Mindener Drehorte in Filmbildern
Kinomacherin Astrid Engel präsentierte Fotos vom Location-Scouting der Drehorte (hier vom Alten Amtsgericht an der Kampstraße) im Vergleich zu den späteren Filmbildern
© Foto: Edgar Wilkening, 2026
Mucksmäuschenstill
Dann das Licht aus, und knapp zwei Stunden lang: ein Deutschland von übermorgen. Die EU ist zerbrochen, eine rechtspopulistische Regierung hat die Macht übernommen, der nächste Krieg steht bevor.
Jonas (Enno Trebs) soll eingezogen werden, desertiert und versteckt sich mit seiner kleinen Schwester Leonie ausgerechnet bei seinem Vater, zu dem er seit der Kindheit keinen Kontakt hatte.
Draußen zieht eine Bürgerwehr den Grenzzaun hoch, unterm Dach haust der Großvater, ein Altnazi. Als Jonas einem Flüchtenden Hilfe verspricht – na, ich will hier nicht zu viel verraten …
An allen drei Abenden war es im Saal mucksmäuschenstill. Der beklemmenden Atmosphäre konnte sich niemand entziehen, und das Wiedererkennen vertrauter Orte bot eher inneren Halt als Ablenkung.
Als der Abspann lief, lag die Bedrückung so spürbar in der Luft, dass man sie mit Händen hätte greifen können. Dieser Film wühlt auf, verstört, berührt, macht ratlos. Kaltgelassen hat er niemanden.
Halb elf. Und jetzt erst recht.
Der Samstag war der Höhepunkt des Wochenendes, und er folgte einer eigenen Dramaturgie. Für einen professionellen Ablauf hatte das Kleine Kino am Weingarten eigens eine Moderatorin engagiert: Dr. Marina Böddeker aus Bielefeld führte souverän durch den Abend.
Nach der Begrüßung durch Astrid Engel übernahm sie die Bühne und holte die Gäste dazu: Nicolas Ehret, angereist aus Köln, und Produzent Hüseyin Tabak, der quasi direkt vom Set kam.
Tabak, bekannt als Regisseur von „Oscars Kleid“, hat gemeinsam mit Özgür Yıldırım das HBO-Prequel „4 Blocks Zero“ inszeniert, dessen erste Staffel seit dem 25. September bei HBO Max läuft, und dreht derzeit bereits Folgen einer neuen Staffel.
Beide Gäste zeigten sich hingerissen vom Charme des Kleinen Kinos am Weingarten und davon, dass ihr Film hier gleich dreimal vor vollem Haus lief. Es folgten im Programm des Abends die Mitwirkenden aus dem Publikum, der Drehorte-Vortrag, der Film.
Und dann das Bemerkenswerte: Es war halb elf, als der Abspann lief. Ja, einige machten sich auf den Heimweg. Aber knapp die Hälfte des Saals holte kurz Luft, besorgte sich ein Getränk und kam zurück. Während im Jazz Club im Erdgeschoss die Veranstaltung langsam ausklang, ging es im ersten Stock noch einmal richtig los.
Böddeker, Ehret und Tabak nahmen auf der Bühne Platz, und es dauerte nicht lange, bis das Gespräch trotz später Stunde Fahrt aufnahm. Viele hatten Fragen, viele wollten ihre Eindrücke teilen, viele wollten verstehen, was sie da gerade gesehen hatten.
Vorgespräch im Foyer
Die Moderatorin des Samstagabend-Events, Dr. Marina Böddeker aus Bielefeld, im Gespräch mit dem Kölner Autor und Regisseur Nicolas Ehret – einige Stunden vor Beginn des Events
© Foto: Edgar Wilkening, 2026
Warum Minden? Weil nur Minden passte.
Die erste große Frage lag auf der Hand: Was meinte Ehret, wenn er sagte, er habe diesen Film nur in Minden drehen können? Die Antwort war erstaunlich nüchtern und zugleich ein Kompliment an die Stadt.
Die Produktion wurde von der Film- und Medienstiftung NRW und von nordmedia gefördert. Solche Fördermittel sind an den sogenannten Regionaleffekt gebunden: Ein Teil des Geldes muss im jeweiligen Bundesland ausgegeben werden, damit die Mittel in die heimische Wirtschaft zurückfließen. Gedreht werden musste also in Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen.
Und dort suchte Ehret einen ganz bestimmten Fluss: breit genug, um glaubhaft als Grenze zu einem anderen Land durchzugehen, und doch so, dass ein Flüchtender ihn durchschwimmen kann. Dazu brauchte es zwingend eine Fährstation, denn ohne sie gibt es die Geschichte nicht.
All das fand sich in beiden Ländern nur an einer Stelle: in Minden. Als dann auch noch die Amanda auftauchte, und mit Helmut Rüffer ein Kapitän, der sie steuern konnte, war die Sache entschieden.
Anders als die übrigen Fähren, die das Team geprüft hatte, ist die Amanda nämlich keine Seilfähre, die sich von der Strömung getrieben an einem Seil von Ufer zu Ufer bewegt. Sie fährt mit eigenem Motor und kann das Ufer verlassen.
Genau das brauchte der Film, denn irgendwann nimmt sie freie Fahrt auf und fährt flussabwärts. So wurde Minden zum Dreh- und Angelpunkt, um den herum viele weitere Drehorte gelegt wurden.
1,6 Millionen Euro, 23 Drehtage, null Reserve
Wie knapp das alles kalkuliert war, erzählte Hüseyin Tabak. Gerade einmal 1,6 Millionen Euro standen zur Verfügung. Selbst für eine deutsche Kinoproduktion ist das wenig; üblich sind oft das Doppelte, nicht selten das Drei- bis Vierfache.
Ehret musste deshalb zahlreiche aufwendige Szenen aus seinem Drehbuch streichen und durch andere ersetzen, die die Geschichte ebenso tragen.
Für den Dreh blieben exakt 23 Tage, kein einziger mehr. Wetter, Technik, Krankheit: Jedes Risiko hätte die Produktion ins Wanken bringen können, ein Ritt auf der Rasierklinge.
Doch alles ging gut. Die Amanda fiel kein einziges Mal aus, im Team blieben alle gesund, trotz Dreharbeiten im November. Großen Anteil daran hatten die Hauptdarsteller Enno Trebs und Ulrich Matthes: Mehr als drei Takes brauchte keine Szene. Profis eben, bei denen dank gründlicher Vorbereitung alles sitzt.
Zehn Minuten für Leonie
Besonderes Lob galt Naila Schuberth, die beim Dreh elf Jahre alt war und die kleine Halbschwester Leonie spielt. Viele Mädchen hatten sich für die Rolle beworben, jede hatte eine halbe Stunde, um das Team zu überzeugen. Schuberth brauchte keine zehn Minuten, dann war allen klar: Sie ist die Richtige.
Ganz unerfahren war sie nicht. In der Netflix-Serie „Liebes Kind“ spielte sie die junge Hannah, zuvor hatte sie Hauptrollen in der Krimiserie „Gefährliche Nähe“ und in der Joyn-Serie „Blackout“ neben Moritz Bleibtreu.
Für ihre Leonie wurde sie beim Filmfest München 2026 für den Förderpreis Neues Deutsches Kino in der Kategorie Schauspielerische Leistung nominiert.
Köln ist nicht die Welt
Tabak lenkte den Blick auf eine Schieflage der Branche: Die Filmproduktion in NRW ballt sich fast vollständig in Köln – auch nicht in Düsseldorf, nicht in anderen Großstädten, und in Ostwestfalen-Lippe schon gar nicht.
Genau das möchte er ändern und die Möglichkeiten der Region künftig stärker nutzen, so wie bei diesem Film. Denn in Kleinstädten wie Minden seien Neugier und Hilfsbereitschaft deutlich größer als in den Metropolen.
Ehret ergänzte: Komparsen machten hier aus Leidenschaft mit, in der Großstadt sei es für viele schlicht ein Job. Und das merke man beim Dreh.
Die Mona Lisa lächelt nicht zurück
Ein Zuschauer gestand, er sei sich während des ganzen Films nicht sicher gewesen, ob er sich mit der Hauptfigur Jonas identifizieren solle oder gerade nicht. Genau so sei es gedacht, antwortete Ehret.
Der Film wolle keine endgültigen Antworten geben, sondern Fragen aufwerfen, Diskussionen anzetteln, Gespräche eröffnen, wie dieses hier. Beantworten müsse sie jeder für sich.
Tabak griff zum großen Vergleich: Auch die Mona Lisa werfe mit ihrem rätselhaften Lächeln mehr Fragen auf, als sie beantworte. Große Kunstwerke blieben offen, und jeder sehe etwas anderes darin.
Es gebe viele Filme, die in Erzählung und Bewertung eindeutig seien. Genau das habe „Morgen war Krieg“ nicht sein wollen.
Publikumsgespräch bis Mitternacht
Selten hat Regisseur Nicolas Ehret ein derart aufgeschlossenes und diskussionsfreudiges Publikum erlebt wie in Minden – das würde er sich öfter wünschen, verriet er uns nach dem Abend
© Foto: Edgar Wilkening, 2026
Vier zu drei: Das Bild geht in die Tiefe
Und das ungewöhnliche, beinahe altmodische 4:3-Format? Ehret schmunzelte. Altmodisch finde er es gar nicht, eher im Gegenteil ausgesprochen modern.
Ihm und seinem Kameramann Fabian Gamper sei es darum gegangen, die erzählerische Tiefe des Films auch als Bildtiefe spürbar zu machen. Nicht durch immer breitere Bildränder, sondern durch Staffelung: Etwas ist immer im Vordergrund, etwas immer tief im Hintergrund, dazwischen das eigentliche Geschehen.
Gamper dürfte Stammgästen des Kleinen Kinos am Weingarten bekannt vorkommen. Er hat auch Mascha Schilinskis „In die Sonne schauen“ fotografiert, das in Cannes den Preis der Jury gewann; er selbst stand dafür auf der Oscar-Shortlist für die beste Kamera. Bei uns lief der Film am 12. Oktober 2025, kurz nach Kinostart.
Licht aus im Jazz Club, Licht an in den Köpfen
Viel wurde über die politischen Untertöne gesprochen, und über Details, die nur einem aufmerksamen Publikum auffallen. „D-Mark-Scheine in der einen Szene, habe ich das richtig gesehen?“, wollte jemand wissen. So kam es, dass gegen Mitternacht, als im Jazz Club längst das Licht aus war, im Kleinen Kino am Weingarten noch immer lebhaft diskutiert wurde.
In der kleinen Runde danach betonte Nicolas Ehret mehrfach, wie selten er so offene, lebendige Gespräche erlebe wie an diesem Abend in Minden. Oft genug laufe es ganz anders.
Ein größeres Kompliment kann ein Regisseur einem Publikum kaum machen, für sein Interesse und für sein Stehvermögen.
Kleines Kino kann ganz großes Kino
Für ein ehrenamtlich betriebenes Kino war dieses Wochenende ein Riesenereignis: bundesweiter Kinostart im eigenen Saal, drei vollständig ausverkaufte Vorstellungen, ein Publikumsgespräch bis nach Mitternacht, und alles lief reibungslos.
Die Nachfrage hätte vermutlich auch für eine vierte und fünfte Vorstellung gereicht. Doch da stößt ein Verein wie der unsrige an seine personellen Grenzen. Damit alles so flutscht wie an diesen drei Abenden, braucht es an unzähligen Stellen helfende Hände, und damit waren wir am Limit.
Wer sich wünscht, dass es im Kleinen Kino am Weingarten öfter große Abende wie diesen gibt, ist herzlich eingeladen, Teil davon zu werden. Die Aufgaben sind so vielfältig wie das Programm. Eine E-Mail an info@kino-minden.de genügt.
Wer das Wochenende verpasst hat, kann sich immerhin noch die Videobotschaft von Nicolas Ehret ans Publikum des Kleinen Kinos am Weingarten hier auf vimeo.com ansehen.
Chronist: Edgar Wilkening
Link zur Videobotschaft von Regisseur Nicolas Ehret exklusiv für das Kleine Kino am Weingarten auf vimeo.com

