Rückwärts durch neunzig Jahre
Pinball-Night: Ein Mann erklärt, wie man sich „pinfiziert“

Zuerst kam der Ton.

Wer am Freitag, dem 6. Februar 2026, kurz nach fünf die Türe am Königswall 97 aufzog, hörte das Kino, bevor er es sah.

Kein Filmton, kein Trailergedröhn. Sondern Schellen. Klackern. Das trockene Poltern einer Stahlkugel, die über lackiertes Holz rollt, irgendwo abprallt, zurückkommt.

Dazwischen dieses helle, unverschämt fröhliche Klingeln, das jeder kennt, der jemals in einer Kneipe zu lange vor einem Kasten mit blinkenden Lämpchen gestanden hat.

Das Foyer war eine Pinball Hall. Zwei Stunden vor Filmbeginn – und schon voll

Im Video, das an diesem Abend entstanden ist, geht Steven Stockey vom Pinball Multiballs Club Minden die Reihe der Geräte durch. Er beginnt vorne, beim aktuellsten Gerät, und arbeitet sich zurück.

Ganz vorn der King Kong LE von Stern Pinball, Baujahr 2025. Limited Edition, Videodisplay, Soundteppich, ein Gerät, das zurückschlägt, wenn man es anfasst. Gebaut von Gary Stern – einem Mann, der schon in den Siebzigern in diesem Geschäft war. Man kann das für eine Fußnote halten. Es ist aber die Verbindung, die den ganzen Abend zusammenhält.

Als nächstes der Old Chicago, Bally, 1976. Sattes Blech, warme Lampen, ein Ton, der aus Federn und echten Glocken kommt und nicht aus einem Lautsprecher. Dass ausgerechnet dieses Baujahr im Foyer stand, war um 17 Uhr noch ein Zufall. Um 21 Uhr wusste es jeder besser.

Dann der Strato-Flite von 1974. Elektromechanik, das Zählwerk rattert, die Punkte springen hörbar. Wer die Kugel hier verliert, hat das nicht auf einem Display gelesen, sondern gehört.

Und dann steht da, am Ende der Reihe, etwas, das gar nicht leuchtet.

Das Museumsstück, das nur mechanische Klackgeräusche machte

Ein Erbu Ball, 1933. Holz. Kein Kabel. Kein Display. Keine einzige Lampe. Ein Nagelklappen-Automat, wie es sie in den Dreißigern in Wirtshäusern gab – und einer der ersten, die mit Münzen betrieben wurden.

Man wirft die Münze ein, zieht die Feder, lässt los. Dann übernimmt die Schwerkraft. Nägel, Klappen, ein Weg nach unten. Mehr ist da nicht.

Und genau darin liegt die Pointe des ganzen Abends: Man kann nichts tun. Flipperfinger, mit denen der Spieler eingreift, gab es erst ab 1947. Vorher schoss man ab und schaute zu.

Das ist keine technische Fußnote. Das ist der Grund, warum dieses Spiel verboten wurde – und dieser Abend im Kleinen Kino am Weingarten stattfand.

Verboten. Vierunddreißig Jahre lang

Am 21. Januar 1942 erklärte New York den Flipperautomat zum Glücksspielgerät. Bürgermeister Fiorello LaGuardia schickte die Polizei los, und die arbeitete gründlich: Allein am ersten Tag wurden mehr als 2.000 Geräte beschlagnahmt und rund 1.500 Anzeigen ausgestellt.

Der Bürgermeister ließ sich mit dem Vorschlaghammer vor zertrümmerten Automaten fotografieren. Das Metall aus den Geräten – allein 1942 gut 1,3 Tonnen – ging in die Rüstung; man hatte gerade Krieg. Chicago und Los Angeles zogen nach.

Die Begründung stand und fiel mit einer einzigen Frage: Entscheidet hier der Spieler – oder der Zufall? Wenn der Zufall entscheidet und trotzdem Geld hineingeworfen wird, ist es Glücksspiel. Und Glücksspiel war verboten.

Vor 1947 war diese Frage leicht zu beantworten. Man musste sich nur den Erbu Ball ansehen

Der Erbu Ball hat mit New York natürlich nie etwas zu tun gehabt; er stand in deutschen Wirtshäusern. Aber er ist exakt die Gattung Gerät, um die es ging: keine Flipperfinger, keine Eingriffsmöglichkeit, dafür ein Münzschlitz.

Er ist Beweisstück und Angeklagter in einem – und im Foyer des Kleinen Kinos durfte ihn an diesem Abend jeder in die Hand nehmen.

Aufgehoben wurde das New Yorker Verbot erst 1976, an einem Nachmittag, um den es im Kinofilm des Abends geht.

Neunzig Jahre und vier Geräte auseinander, in einem Foyer in Minden. Alles auf Freispiel. Alles zum Anfassen. Das ist vielleicht der schönste Widerspruch des Abends:

Ausgerechnet die Maschine, die das Geld ins Spiel gebracht hat, ließ sich hier kostenlos von jedem bedienen, der Lust hatte

Und dann, um 19 Uhr: Das Publikum kam von den Geräten in den Saal, Steven Stockey hielt seinen Impulsvortrag – und dann lief „Pinball – The Man Who Saved The Game“.

Roger Sharpe, unruhiger Schreiber, Anfang der Siebziger in New York. Ein Mann mit einer Obsession, die in dieser Stadt illegal ist. Am 2. April 1976 sitzt er vor dem Stadtrat, kündigt an, wohin er die Kugel spielen wird – und spielt sie dorthin. Der „Called Shot“.

Danach ist Flippern kein Glücksspiel mehr – Flippern ein Geschicklichkeitsspiel. Danach ist es in ganz Nordamerika wieder erlaubt.

Es gibt einen Unterschied zwischen einem Publikum, das diese Szene im Film sieht, und einem Publikum, das zwei Stunden vorher selbst an den Geräten stand. Das erste sieht einen Film. Das zweite weiß, wie schwer das ist.

Und im Foyer wartete, während im Kinosaal um die Legalität des Spiels gekämpft wurde, ein Bally von 1976 auf die nächste Kugel

Vier Flipperautomaten kommen nicht von allein in ein Foyer. Ein Holzkasten von 1933 schon gar nicht. Jemand muss die Geräte verfügbar haben, jemand muss sie transportieren, ausrichten, alles auf Freispiel stellen und dann danebenstehen und Fragen beantworten, von denen die meisten immer dieselben sind.

Anstrengend.

Man kann so einen Abend auch einfach nicht machen. Es fällt niemandem auf. Ein Film läuft, das Licht geht aus, das Licht geht an, alle gehen nach Hause, keiner beschwert sich. Kulturarbeit lässt sich sehr bequem betreiben, und es gibt Häuser mit festen Stellen und festen Etats, die genau das tun.

Dass es hier anders läuft, hat einen Grund: Der Abend geht auf die Initiative von Astrid Engel zurück, und getragen hat ihn ein kleiner ehrenamtlicher Verein mit 99 Kinoplätzen zusammen mit Steven Stockey und seinem Flipperclub.

Das Ganz ist dokumentiert: Dreieinhalb Minuten Video. Steven Stockey geht die Reihe durch, vom King Kong LE zurück bis zum Erbu Ball, und erzählt nebenbei, wie es ihn erwischt hat. „Pinfiziert“ nennt er das. Man muss das Wort nicht erklärt bekommen, wenn man ihn dabei ansieht.

Link zu vimeo.com<br />

Danach versteht man, warum ein Abend, der als „Pinball-Night zum Ausflippern“ angekündigt war, am Ende von etwas ganz anderem handelte: davon, dass man Dinge verteidigen muss, die andere für Spielerei halten.

Ein Dank an den Pinball Multiballs Club Minden, an Steven Stockey – und an alle, die diesen Abend gefeiert haben und geblieben sind, bis die letzte Kugel unten war.

Logo Kleines Kino am Weingarten

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