Schwarzes Glück, ausverkauft

Bernd Gieseking stellt im Kleinen Kino sein Reclam-Buch „Kaffee“ vor: mit Lesung, Jarmusch und Mettwurst bis weit nach Mitternacht

Ein voller Saal, ein Foyer voller Tassen und ein Abend, der länger wach hielt als jeder doppelte Espresso. Am Samstag, 31. Oktober, feierte Bernd Gieseking im Kleinen Kino am Weingarten die Premiere seines Buches „Kaffee. Die schönsten Geschichten“. Hier der Bericht in fünf Aufgüssen.

1. Vorbrühen: das Foyer füllt sich

Der Abend war schon im Vorverkauf ausverkauft. Das hielt einige nicht davon ab, lange vor Beginn im Foyer zu stehen und auf eine der seltenen Restkarten an der Abendkasse zu hoffen. Wer reinkam, war glücklich. Wer draußen blieb, hat jetzt wenigstens diesen Text.

Im Foyer gab es viel Hallo, viel „Wie schön, dich mal wieder zu sehen!“ und diese gespannt-heitere Stimmung, an der man einen guten Abend erkennt, bevor er überhaupt angefangen hat. Und natürlich gab es Kaffee.

Das klingt selbstverständlich, ist es im Kleinen Kino am Weingarten aber nicht, denn eine Kaffee-Ausstattung hat das Foyer schlicht nicht. Gastgeberin Astrid Engel lieferte deshalb alles eigens an. Serviert wurde aus Omas Goldrand-Service, das Astrid Engel für diesen Anlass aus den Tiefen des Schranks geholt hatte.

2. Erster Aufguss: die Lesung

Um 19 Uhr eröffnete Barbara Brockamp, Leiterin der Stadtbibliothek Minden, den Abend. Die Bibliothek war Partnerin der Veranstaltung, was nahelag, denn es ging um ein Buch.

Dann der Star des Abends auf die Bühne. Hinter Bernd Gieseking leuchtete auf der Leinwand die große Kaffee-Collage: Gieseking in der Mitte, das Buch stolz nach vorn gehalten, umgeben von Espressokannen, Milchschaumherzen und Bohnen. Seine erste Frage an den Saal: „Ob ich heute so gut aussehen werde wie auf diesem Bild?“ Die Antwort überließ er diplomatisch dem Publikum und stieg direkt ein in die belebende Welt des Kaffees.

Bücher hat der Kabarettist aus Kutenhausen schon reichlich geschrieben: die Finnland-Trilogie („Finne dich selbst!“, „Das kuriose Finnland-Buch“, „Finne dein Glück“), das Bestseller-Heimatbuch „Das kuriose Ostwestfalen-Buch“ und zuletzt „Seepferdchen mit sechzig“. Mit „Kaffee“ betritt er trotzdem Neuland. Es ist sein erstes Buch als Herausgeber, also mit Texten anderer Autoren.

Als Reclam ihn fragte, bat er sich erst einmal Bedenkzeit aus: Gibt es zu diesem Thema überhaupt genug gute Texte? Die Antwort fand er ausgerechnet im Bücherregal seiner Lebensgefährtin in Hannover.

Dort stand ein Dr.-Oetker-Kochbuch aus der Nachkriegszeit, und darin eine strenge Anleitung zur richtigen Kaffeezubereitung, samt allem, was die Hausfrau dabei falsch machen konnte. Die Rettung kam natürlich aus dem eigenen Haus: Im entscheidenden Moment gebe man ein Pülverchen von Dr. Oetker ins Wasser, und der Kaffee werde unwiderstehlich. Genuss auf ganzer Linie, jawohl.

Damit war die Bedenkzeit vorbei und Gieseking sicher: Das wird was! Viele weitere Fundstücke folgten, von Zeitgenossen wie Erwin Grosche, Ralf Husmann und Thomas Gsella bis zu Klassikern wie Frank Wedekind und Jules Verne. Die Autorenliste reicht also vom Erfinder des „Stromberg“ bis zum Erfinder der „Nautilus“.

Eine Stunde lang servierte Gieseking, ein Routinier auf jeder Bühne, dem ausverkauften Haus Geschichten, Gedichte und Anekdoten, stark und mit feinem Abgang.

3. Pause: die Crema

In der Pause gab es das Buch im Foyer zu kaufen. Zum Glück hatte Bernd Gieseking einen guten Stift dabei, denn er signierte eine beachtliche Zahl von Exemplaren. Mancher nahm gleich drei mit. Die Vermutung liegt nahe, dass hier knapp acht Wochen vor Heiligabend die Weihnachtsvorräte angelegt wurden. Dazu gab es Kaffee und andere Getränke. Wer wach bleiben wollte, hatte jetzt keine Ausrede mehr.

4. Zweiter Aufguss: „Coffee and Cigarettes“

Der zweite Teil des Abends war Giesekings ausdrücklicher Wunsch: Jim Jarmuschs Episodenfilm „Coffee and Cigarettes“. „Der Film hat mich damals umgehauen, als ich ihn gesehen habe“, sagt er. Man sieht Menschen in Schwarzweiß an Tischen sitzen, mit Kaffee und Zigaretten, und kunstvoll aneinander vorbeireden.

5. Der Satz: Ausklang bis tief in die Nacht

Nach dem Film ging es zurück ins Foyer, zu Kaffee, aber auch zu westfälischer Mettwurst und italienischer Salami. Diese Form der Völkerverständigung funktioniert erstaunlich gut.

Der Ausklang dauerte bis weit nach Mitternacht, mit fröhlichen Gästen, viel Geschnatter und guten Gesprächen. Und mit immer mehr Menschen, die noch hinzukamen, weil sie beim Flanieren das einladende Licht im Kino-Foyer gesehen hatten und sich sagten: ‚Lass uns mal gucken, da ist noch was los.‘

Das spricht für die Gastgeberqualitäten von Astrid Engel, Architektin und Kino-Macherin: Sie entwirft nicht nur Räume, in denen Menschen zusammenkommen – sie füllt sie auch.

Im Erdgeschoss unter dem Kino gab der Jazz-Club am selben Abend ein Konzert, Beginn erst um 21 Uhr. Als wir oben im Kino-Foyer das Licht ausmachten, war es unten im Jazz-Club schon lange wieder zappenduster.

Abwartende Teetrinker wurden an diesem Abend übrigens nicht gesichtet. Entweder waren keine da, oder sie sind nach dem ersten Aufguss übergelaufen zum Kaffee.


Chronist: Edgar Wilkening

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